Rahmanqul  1956 - 2007


  

 

Seit Anbeginn unserer Arbeit in Andkhoi und den umliegenden Dörfern war Rahmanqul unser wichtigster Vertrauter und Mitarbeiter. Rahmanqul wurde 1956 geboren und im Februar 2007 vor seinem Haus in Andkhoi erschossen.

 

Er lebte zunächst mit seiner Familie in Arab Shah Payan, einem Dorf im Bezirk Khancharbagh, ca. 8 km nordöstlich von Andkhoi in der Provinz Faryab im Nordwesten Afghanistans. Er stammte aus einer sehr armen Bauernfamilie und war das erste von 8 Kindern (3 Brüder, vier Schwestern). 1961 wurde er in die Grundschule in Khancharbagh eingeschult (heute Khancharbagh Lycee). Nach Abschluss der Grundschule ging er ins 8 km entfernte Andkhoi in die Abu Muslim High School. Er hatte kein Geld für ein Fahrrad. Sein Vater hatte einen Esel und manchmal ritt er auf dem Esel zur Schule und im Winter ging er zu Fuß. Noch als Schüler musste er zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, z.B. hat er Hühner und Eier von den Leuten im Dorf gekauft und sie in Andkhoi auf dem Basar verkauft. Seine Freunde und er eröffneten einen kleinen Laden und verkauften dort nach der Schule Fleisch – der Schüler Rahmanqul arbeitete als Schlachter. 1973 machte er seinen Schulabschluss und studierte danach an der Balkh Universität in Mazar-i-Sharif Biologie und Chemie. Nach dem Abschluss in 1976 heiratete er, musste aber schon 15 Tage nach der Hochzeit als Soldat nach Kabul, wo er zwei Jahre blieb. Es war eine schwierige Zeit für ihn – er hatte nur wenig Geld, um sich und seine Familie zu ernähren; sein Vater war sehr krank, er fühlte sich nicht sicher; die Mudjahedin formten sich und begannen ihren Kampf gegen das kommunistische Regime. Ende 1978 kehrte er nach Hause zurück und wurde Lehrer in Khancharbagh. Während seiner Tätigkeit als Lehrer arbeitete er außerdem als Bauer: Er half seinem Vater, das Land zu bearbeiten. Von seinem ersten Gehalt als Lehrer kaufte er sich ein Fahrrad.  

 

Als die ersten drei Kinder noch klein waren, war Rahmanqul Soldat in Mazar-i-Sharif, d.h. von 1986 bis 1987. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Rahmanqul als Ältester von 8 Geschwistern die Verantwortung für die Großfamilie.

 

Er hat immer hart gearbeitet und überlegt, wie er die Familie am besten versorgen könnte, z.B. war er sehr daran interessiert, Melonen und anderes Obst und Gemüse im Garten aufzuziehen. Rahmanqul hatte auch großes Interesse an Büchern, aber als die Taliban die Herrschaft in seiner Region übernahmen, verbrannte er alle Bücher.

 

1987 wurde Rahmanqul stellvertretender Schulleiter im Yuldoz Lycee in Andkhoi; er unterrichtete Physik in den Klassen 11 und 12. Während dieser Zeit lernte er Ulla Nölle, die Gründerin des Vereins kennen, und begann seine Tätigkeit für diesen Verein. Außerdem arbeitete er für Save the Children als Assistent im Mikrokredit-Programm. 1992, 1994 und 2000 wurden die Töchter Farsana, Negina und Anisa geboren. Zwei Kinder (ein Junge und ein Mädchen) leben heute nicht mehr. Ein Kind wurde von einer Kuh getreten und ein anderes starb an einem Hirntumor o.ä.. In Andkhoi lebte die Familie zunächst in einer sehr kleinen Wohnung zur Miete. Im Jahre 2004 war das eigene Haus in Andkhoi fertig.

 

Alles, was der Verein in den vergangenen Jahren geschaffen hat und was Sie auf diesen Seiten lesen können, war nur möglich, weil Rahmanqul unermüdlich für diese Projekte gearbeitet hat. Er hatte viele Freunde und viele Helfer, aber er war es, der ihnen den Weg gezeigt hat.

 


 

Im Februar 2007 nach dem Mord an Rahmanqul schrieb Marga Flader:

 

Mit Rahmanqul haben wir nicht nur einen unserer wichtigsten und fähigsten Mitarbeiter verloren, sondern auch unseren besten Freund. Rahmanqul war ein ganz besonderer Mann, der die Fähigkeit besaß, seine vielen brillanten Ideen mit Hilfe seiner vielen Freunde zu verwirklichen. Gemeinsam hatten wir ein wunderbares

Netzwerk aufgebaut, um Tausenden von Kindern,

jungen Männern und Frauen eine Bildung zu ermöglichen. Wenn es Probleme an den staatlichen Schulen gab, die wir unterstützten, gingen die Lehrer zuerst zu ihm und nicht zum Schulrat. Wenn wir die Schulen besuchten, erklärte er den Kindern, dass sie Schule und Schulgelände sauber halten und auf ihre Lehrer hören sollten. Wenn Menschen Sorgen hatten, die sie allein nicht bewältigen konnten, kamen sie zu ihm und baten um Hilfe. Er war Freund aller – der Kinder, ihrer Eltern, der Lehrer, der Bauarbeiter, unserer Freunde aus dem In- und Ausland, die uns in Andkhoi unterstützten, und vor allem war er unser Freund, den wir schmerzlich vermissen. Er war ein guter Vater und Ehemann. Seine völlig verzweifelte Tochter rief immer wieder „I can’t live without my father“. Es wird für alle sehr schwer sein, ohne diesen wunderbaren Mann weiterzuleben. Wir können nicht verstehen, wer ihn getötet haben kann. Wir rätseln und finden keine Antwort. Mehr als tausend Männer kamen zur Beerdigung. Hunderte Männer und Frauen kamen jeden Tag ins Haus der Familie in Andkhoi, so wie auch ich. Ich brauchte leider fast eine Woche von Hamburg nach Andkhoi. Die Flugverbindungen und das Wetter waren schlecht. Da wir nicht wussten, wer den Mord begangen hat, hatten auch wir Angst um unser Leben. Aber es war dringend nötig, der Familie beizustehen. Sie haben gesehen, wie der Ehemann/Vater ermordet worden ist, sie haben Angst um ihr Leben, sie wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. In Afghanistan gibt es keine Therapeuten, die den Hinterbliebenen zur Seite stehen. Es gibt keine finanzielle Absicherung für die Familie von Seiten einer Versicherung oder des Staates. Wir wollen – und hoffen dafür auf Unterstutzung unserer Freunde – Rahmanquls Frau, seinem Sohn und seinen fünf Töchtern helfen. Da sie nicht mehr in Andkhoi leben können, weil sie Angst um ihr eigenes Leben haben, wollen wir Ihnen dabei helfen, sich in Kabul ein neues Leben aufzubauen. Der Sohn könnte in Kabul weiter studieren – es war der größte Wunsch von Rahmanqul, dass seine Kinder die Universität besuchen. Die Mädchen könnten ihr Abitur machen und später vielleicht auch studieren. 

 

 

 

Ich habe in Andkhoi Rahmanquls Freunde getroffen. Alle Männer haben geweint. An einem Tag sprachen wir nur über ihn und wie es zu der Tat kommen konnte, hatte er doch keine Feinde, sondern war überall sehr beliebt. Es wurde mir in Andkhoi aber trotz des allgegenwärtigen Schmerzes klar, dass unsere Arbeit weitergehen muss. Ich bat unsere wichtigsten Mitarbeiter und die Freunde Rahmanquls zu mir und wir sprachen in einem zweiten Treffen darüber, wie wir in Andkhoi weiterarbeiten können, denn unsere Arbeit ist außerordentlich wichtig für diese Region. Direkt für uns arbeiten ca. 60 Personen und über die Bauprojekte haben weitere 100 Arbeiter ihren Lebensunterhalt verdienen können, d.h. 160 Familien oder vielleicht 1500 Menschen! Mit der Unterstützung, die die staatlichen Schulen in Form von Lehrmaterial und Lehrerfortbildung von uns erhalten, helfen wir dabei, die Qualität des Unterrichts zu verbessern.

 

Es war Rahmanquls – wie unser – Wunsch, den afghanischen Jungen und Mädchen eine bessere Schulbildung = eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Mitglieder von Afghanistan-Schulen in Deutschland und in Afghanistan sowie seine Freunde und Familienangehörigen wollen weiter auf Rahmanqul’s Weg gehen und unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.

 


 

Heute lebt die Familie von Rahmanqul in Kabul. Der älteste Sohn Mardanqul und eine Schwester sind verheiratet. Nachdem der seinerzeitige Landesdirektor Afghanistan verlassen hatte, ist Rahmanquls Sohn Landesdirektor von VUSAF geworden.

 


 

Mardan, Rahmanquls Sohn, erinnert sich

Wir hatten Mardan vor dem Tod seines Vaters gebeten, einige Erinnerungen über seine Jugend im Dorf für uns aufzuschreiben:

 

I remember that we met for the first time in Khancharbagh high school when I was in seventh grade, if you remember, you came to the class with Ulla Nölle and my dear father and there were some other teachers and principal of the school with you. You were so happy, but I think you weren’t aware that Rahman Qul had a son who was in this class. Alif Qalich khan, the principal of the school, introduced me to you, on that time I wasn’t able to say even “thank you or good bye” and than you shook hands with me and took my pictures.

We were the first students who registered our names to come to school after Mujahedden left the district. I studied my first grade in Yulduz high school because for two years we lived in Andkhoi city in Dustom and mujahedden’s war and than moved to the village after the war stopped in 1990.

The school opened just for boys in Arabsha Madrassa building. We were in that old building for five years. We didn’t have enough chairs and tables and also the school didn’t have one book to teach students. My father brought some books from Yulduz Lycee to our school. Each class had one book from each subject and the teachers were quite happy and they were teaching. When we became six grades, we moved to the new building of Khancharbagh Lycee. My favorite subject was Dari at that time because we had a wonderful teacher for Dari. We were memorizing all poems of the book and from other books too because twice a week we had poem competition with other classes and between our class. Sometimes the head master was collecting all the students and teachers to the yard of the school and we were divided for two groups and it was a big poem match and some time it was continuing for more than one hour.

 

 

I didn’t have bicycle, I was walking to school because we didn’t have money to buy a bicycle. My father had a bicycle. He went to Andkhoi by bicycle because he was an assistant teacher in Yulduz high school. After some time my father bought a motor bike and gave his bicycle to my uncle. When Khancharbagh Lycee’s reconstruction was started by VUSAF, I worked there as a labourer in my holidays and saved some money and my father bought a bicycle for me from that money.

 

Then I moved to Abu Muslim high school and went by bicycle to that school after nine years of studying, It was also hard for me because I lost my old classmates and nice teachers and also was a big change for me, going to English course and math course etc.. The Headmaster of Khancharbagh Lycee didn’t want me to go to Andkhoi School but I did it. After that he didn’t talk with me for at least three years because I had changed the school. There were good teachers in Abu Muslim high school. But if the student was absent or not paying attention to the lesson they were hit by stick.

 

One thing made me angry when I was in eleventh grade one of the days in a chemistry lesson: During the lesson one of my class mate told me to say something naughty and than teacher got angry with him and brought three pieces of sticks and hit him in the class and sent him to office. The principal of the school called all the students at the end of their lessons and talked about this boy and told him that he was not allowed to come to school for a week. I thought with myself, why did the boy tell me this word, what was the reason for it? But I did not know about it. After one week he came back to school and came next tome and said to me “Please forgive me about my mistake, I am so sorry about” and than became my friend.

Yes, last year the flood destroyed the boundary wall of the school and damaged the building also, the garden did not suffer. The plants are growing and there are more than 200 every kind of plants. And also they have planted flowers this year too. There are about 1000 male students in Khancharbagh high school and 36 personal (teacher, headmaster, Clark and Guard). The small building completely destroyed and cannot be repaired. The students are taught in two shifts.

The weather in Ankdhoi is very good this year because it rained a lot and the river is still full of water and in the desert you can see lots of flowers. It is completely different than last year. Plants and grasses are growing and people are happy and have lots of work this year in out side on their fields.
 


 

 

Rahmanqul together with Ulla Nölle (to his left) and Tine Nölle (to his right).
Next to Ulla Nölle, Rahmanqul's wife Salamat, and two of the five daughters

on the left Farzana and on the right Samia in September 2006

 


 

Salamat, Rahmanquls Frau, erinnert sich

Mein Leben war voller Höhen und Tiefen,

aufgezeichnet von Mardanqul und Samia

 

Mein Großvater hieß Qaderqul und meine Großmutter Oghul Bebe. Mein Großvater war eine bekannte und gut angesehene Person in unserem Dorf Khancharbagh. Er war einer der reichsten Leute im Dorf und jeder respektierte ihn. Er hatte mehr als 2000 Schafe und auch viele Kühe, Pferde und Kamele. Er war Analphabet. Er hatte sechs Söhne und drei Töchter. Mein Vater war sein zweitältester Sohn. Damals wohnte unsere Familie mit ungefähr 50 Personen zusammen, aber später lebten alle sechs Brüder getrennt. 

 

Mein Großvater ermutigte seine Söhne, eine Schule zu besuchen. Später besuchten sie die Hochschulen. Einer von ihnen studierte Agrarwissenschaften. Einer ging zur Militärakademie; er wurde während der Kämpfe mit den Mudjahedin von den Mudjahedin in unserem Hause während unseres Abendessens getötet. Der Sohn, der Agrarwissenschaften studiert hatte, starb während der Taliban-Zeit; er war eine wichtige Person zur Zeit von König Zaher Shah. Er litt sehr unter der neuen Situation und erhängte sich in seinem Haus.

 

Mein Vater hieß Toimurad. Er war Schafhirte und kam nur einmal im Monat nach Hause. Auch er war Analphabet. Mein Vater und drei seiner Brüder konnten nicht zur Schule gehen, weil sie die Tiere versorgen und in der Landwirtschaft arbeiten mussten, aber die jüngeren Brüder hatten wieder die Möglichkeit, die Schule zu besuchen.

 

Mein Vater rauchte Opium und meine Mutter Tabak. Tabakrauchen war für die Frauen des Ortes etwas Normales. Mein Großvater wollte, dass mein Vater mit dem Opiumrauchen aufhörte, aber er schaffte es nicht. Eines Tages rief der Großvater seinen Sohn zu sich in sein Zimmer und sagte: "Weil du nicht mit dem Opiumrauchen aufhörst, gehörst du von heute an nicht mehr zu meiner Familie". Großvater gab uns nur einen ganz kleinen Raum in der Ecke des Grundstücks; das war eigentlich nur ein Lagerraum oder ein Schuppen. Großvater gab uns nichts anderes. Ich war damals 11 oder 12 Jahre alt und es war eine sehr schwere Zeit für uns – für mich, meine Schwester, meine zwei Brüder und meine Eltern. Wir lebten alle in einem schmutzigen Raum. Aber nach dem Tod meines Großvaters, der 95 Jahre alt wurde, verteilte unsere Großmutter das Erbe an alle Söhne. Meine Großmutter wurde 98 Jahre alt.

 

Mein Vater wurde nun Bauer. Er kaufte einen Esel und später gab ihm mein Onkel, der beim Militär war, Geld, damit er sich ein Kamel kaufen konnte. In diesem Jahr hatten wir viele Probleme, aber später war es besser. Mein Vater arbeitete Tag und Nacht, um Geld für die Familie zu verdienen. Er arbeitete auf dem Bauernhof eines anderen Bauern, mit seinem Kamel ging er in die Steppe, um getrocknete Pflanzen zu sammeln und auf dem Basar als Brennmaterial zu verkaufen. Im Herbst, wenn all diese Arbeiten ein Ende fanden, hatten wir genug Weizen für den Winter. Mein Vater kaufte ein weiteres Kamel und wurde Händler. Er brachte Öl, Salz, Stoffe von Andkhoi nach Khamyab am Amu Darya (ca. 100 km entfernt) und holte Weizen und Mais von Khamyab nach Andkhoi. Von nun an ging es unserer Familie gut und wir hatten keine finanziellen Probleme mehr. Wir kauften weitere Schafe und bauten ein Haus mit mehreren Räumen.

 

Als ich sieben Jahre alt war, kam ich in die Schule. Damals lebte mein Großvater noch. Wir lernten im Haus des Mullahs. Es gab nur eine Lehrerin in Khancharbagh und keinen Lehrer. Die Mädchen durften nur bis zur dritten Klasse lernen. Als ich in der dritten Klasse war, heiratete meine Lehrerin und zog nach Andkhoi. Unsere Schule blieb dann einige Jahre geschlossen, bis wieder Lehrer ins Dorf kamen. Mädchen durften nun bis zur 9. Klasse zur Schule gehen, auch meine jüngere Schwester. Als ich nicht mehr zur Schule ging, brachte mir eine ältere Cousine bei, wie man Teppiche knüpft. Meine Mutter konnte auch schöne Handarbeiten machen. Sie webte Stoffe für Kleider und andere Sachen.

 

Als ich 18 Jahre alt war, wollte ein Onkel, dass ich seinen Sohn heirate, aber mein Vater und ich wollten nicht, dass ich ihn heirate. Das war eine schlimme Zeit, denn dieser Onkel arbeitete für die Regierung. Er kam jeden Tag zu uns nach Haus und setzte meine Eltern unter Druck, um die Zustimmung zur Hochzeit zu bekommen. Eines Tages brachte er Polizisten mit, die mich und meinen Vater zum Bezirksgouverneur brachten. Als wir dort ankamen, warteten viele Leute auf uns. Mein Onkel und sein Sohn waren auch dabei. Ich erinnere, dass der Gouverneur viel geredet hat und mich dann fragte, ob ich den Mann heiraten wollte oder nicht. Ich sagte, dass ich ihn nicht heirateten wollte. Daraufhin sagte der Gouverneur, dass damit die Sache beendet sei, niemand könne mich zwingen, den Mann zu heiraten. Als ich nach Hause kam, weinte meine Mutter und niemand war da, ihr beizustehen. Auch ich wurde krank und musste mehrmals zum Arzt. Zu dieser Zeit kam der Bruder meiner Mutter, der in dem Dorf Arabshah in der Nähe lebte, zu uns und sprach heimlich mit meinen Eltern. Nach ungefähr zwei Wochen begann mein Vater, Einkäufe zu machen. Er kaufte Sachen wie Truhen, Wäsche, Lampen, Geschirr etc. Ich fragte mich, was passieren würde. In der folgenden Woche, als Basar-Tag war, wollte mein Vater mich wieder zum Arzt bringen. Stattdessen gingen wir aber zum Gericht. Dort sah ich meinen Onkel (den Bruder meiner Mutter) und andere Leute. Jemand fotografierte mich. Später kam Rahmanqul auf seinem Fahrrad und ging in einen anderen Raum. Als alles beendet war, gingen wir nach Hause, ohne beim Arzt gewesen zu sein. Dann wusste ich, dass ich nun verlobt war mit Rahmanqul. Zwei Wochen später ging mein Vater wieder einkaufen. Dieses Mal kaufte er Gardinen, Schuhe, Schmuck und Kleider. An diesem Abend erzählte mir meine Mutter, dass in der nächsten Woche meine Hochzeit stattfinden sollte und dass ich Rahmanqul heiraten sollte. 

 

Es war eine einfache Hochzeit, weil alles so plötzlich geschah, und Rahmanqul heiraten wollte, bevor er nach Kabul reisen musste, wo er als Soldat stationiert war. An meinem Hochzeitstag war ich krank. Rahmanqul war ein besonderer Mann. Zwei Wochen nach unserer Hochzeit ging er für zwei Jahre nach Kabul. Ich lebte nun bei meinen Schwiegereltern. Mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter waren glücklich mit mir und ich mit ihnen. Nach einem Jahr erhielt ich einen Brief und ein Foto von ihm. Während Rahmanqul noch in Kabul war, wurde sein Vater krank und es gab niemanden in der Nähe, der genug Geld verdienen konnte, um die Familie zu ernähren. Es war eine schwere Zeit. Tag und Nacht haben wir Teppich geknüpft. Es war gut, dass wir wenigstens eine Kuh hatten, die Milch gab. Reis oder Fleisch konnten wir uns nicht leisten.

 

Als mein Mann aus Kabul zurückkam, änderte sich die Sicherheitslage. Nachts kamen die Mudjahedin in die Dörfer und forderten Geld von den Menschen. Weil mein Mann Lehrer war und somit für die Regierung arbeitete, fürchtete er sich sehr vor den Mudjahedin. Nach drei Jahren wurde Samia geboren und im vierten Jahr Mardan. Jetzt war auch Krieg in den Dörfern zwischen den Mudjahedin und der Regierung. Nun kämpfe ein Bruder meines Mannes auf Seiten der Mudjahedin und dadurch waren wir geschützt. Viele Menschen wurden getötet, auch der Mann meiner Schwägerin. 1988 mussten wir wegen der Unruhen unser Dorf verlassen und zogen nach Andkhoi. Dort lebten wir fast vier Jahre und dann zogen wir wieder ins Dorf, aber der Krieg wütete weiter in anderen Teilen Afghanistans und viele junge Männer zogen in den Kampf. 

 

Meine Brüder waren alle Soldaten und zogen in den Kampf. Einer meiner Brüder starb den Märtyrertod und im Jahr darauf verloren wir einen weiteren, nachdem er in den Kampf gezogen war. Aber nach zwei Jahren hörten wir, dass er in Pakistan lebte. Er war von der Opposition verhaftet worden und war in Khost (an der Grenze zu Pakistan) im Gefängnis gewesen. Von dort flüchtete er nach Pakistan. Das war alles sehr schrecklich und wir weinten immerzu. Der Bruder, der gefallen ist, hatte zwei Söhne und eine Tochter. Jetzt gehen seine Söhne zur Schule, aber seine Tochter ist psychisch krank. Nicht nur unsere Familie, sondern die meisten Leute im Dorf erlebten schreckliche Zeiten und viele flüchteten nach Pakistan, Iran und in andere Länder.

  

Während der Taliban-Zeit zogen wir wieder nach Andkhoi und lebten einige Jahre in einem gemieteten Haus in Shar-e-Now. Obwohl das Taliban-Regime herrschte und die Menschen sehr unter einer Dürre und den Unsicherheiten litten, waren wir glücklich. Mein Mann hatte Arbeit und er war sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Er arbeitete Tag und Nacht. Nachdem die Taliban das Land verließen, kauften wir ein Stück Land und bauten ein Haus. Die Zeit in diesem Haus war die glücklichste meines Lebens. Wir hatten ein gutes Leben, ein Haus in Andkhoi, Arbeit und genug Geld und die Kinder gingen zur Schule. Alle waren glücklich, aber wir wussten nicht, was auf uns zukommen würde und dass das Glück nur ein kurzer Traum war.

  

Es war vor vier Jahren an einem Abend, als ich gerade das Abendessen kochte, dass die Uhr stoppte und mein Glück ins Gegenteil umschlug, als ich die tragischen Geräusche und Schüsse hörte. Ich weiß nicht, wie ich zur Tür ging und meinen lieben Mann auf dem Boden liegen sah. Er bewegte seine Lippen und Augen, aber konnte nichts mehr sagen. Das Leben veränderte sich. Wir haben ihn verloren, den besten Mann der Welt. Ich wollte nicht mehr ohne ihn leben. Meine fünf Töchter, mein Sohn und ich fielen auf den Boden und weinten tagelang ohne zu essen oder zu trinken, aber wir konnten ihn nicht mehr finden. Es war sehr schwer für Anisa, unsere jüngste, die immer mit ihm zusammen war. Sein Wunsch war es, dass seine Kinder zur Schule gehen und mitzuhelfen, andere Jungen und Mädchen eine Schulbildung zu ermöglichen und diese Wünsche wurden Wirklichkeit.

 

Nach fast 40 Tagen zogen wir nach Kabul und bin ich den Freunden meines Mannes dankbar, dass sie uns geholfen haben, dass wir nun in Kabul in Frieden leben können. Ich danke ihnen allen und werde nie vergessen, was sie für uns getan haben. Mit ihrer Hilfe konnten wir ein Haus kaufen und leben jetzt dort. Ich bin glücklich, dass meine Töchter zur Schule und Universität gehen. Wir wären glücklicher, wenn mein Mann noch bei uns wäre. Ich bete immer für ihn. Er ist in meinen Gedanken jetzt und für mein ganzes Leben.

 

 


10 Years on, Mardanqul Rahmani remembers the 17 February 2017

 

That day, I came home at 05:30 PM and my father was discussing some projects with Eng. Yar Mohammad and the discussion was full of joy and smiles. It was about sunset that Eng. Yar Mohammad left to his home and then, my father also went out of his home. He told me that he was going to Education Center in order to tell the Education Center guards to clean the streams for the water that was supposedly to pour to the pool of the Education Center that night. My six years old sister and 7 years old cousin were accompanying him. They returned back after 40 minutes on 06:10 PM. My other sister was waiting in the house yard to open the door for her father at his return. I and my uncle Noor Muhammad was listening to the news in TV.

 

 

 

The voice of the car which was approaching to our home was heard and my sister opened the door for my father to come in. A man on motorcycle who was following the car stopped by our house and told my sister that he wanted to meet my father. My sister asked his name and his purpose of coming. The man insisted that he wants to meet my father. Hearing the voice of the man, my father came out with my cousin while my sister was staring at them from further distance next to the main gate. My father asked that guy if everything is okay. He stretched his left hand to greet with my father while keeping the loaded gun behind himself by his right hand and suddenly puts the gun to the face/mouth of my father and pulls the trigger. The bullet blew to my father’s mouth and goes to head. I and the family were shocked by hearing the gun shot of that evening and still we feel the psychological effects of that incident. After hearing the gun shot I run to the door. The man had 20 meters distance from us escaping with his abettor who had hidden himself in the stream to help in case the plan went wrong. I held my father in the yard. He was starring and looking to us and tried to tell something but he was not able to, the tears was coming from his beautiful eyes and the blood from his mouth and his lips and hands were shaking a lot. He tried to say something but couldn’t, maybe he wanted to say goodbye to his beloved family or wanted to ask us to continue on his way or wanted to say something else but it was not possible to hear the last word from him. Soon, he became unconscious and we tried to reach to hospital as soon as possible. Mr. Ghafor Khan, our neighbor and friend of my father, and Noor Mohammad, my uncle, took my father to the car checking his heartbeats while I was driving to the hospital. My father died in Andkhoi square while I wasn’t aware and struggling to reach to the hospital.

 

They took my father to the emergency room and the doctor wrote a prescription and gave it to me to bring the medicine from the drugstore nearby. I run towards the drugstore but it was closed when reached there. I run to the house of the drugstore owner and knocked the door very hard that injured my hands which I only noticed later on. He came out and both of us were extremely worried while he was trying to unlock the drugstore. I came back to the hospital with the medicine and directly entered to the emergency room. I saw that white clothing was laid on my father, I could only see his feet. I asked them if my father’s recovering. Is he? Is he? But it was hope against hope and I knew that my father had died! I thought that it’s only a nightmare and I will wake up soon but I could never wake up, it was reality in front of my eyes!

 

Many friends reached to the hospital after hearing the incident. Everyone was extending condolences to me adding that my father is under operation and he will recover soon; trying to stop me crying! I was already aware of the fact that my father is dead. And, the world looked too black for me and there was no way out and no hope for me in this world anymore. It was the moment that my dear father’s advice and his good words came to me: Two days earlier my father had told me to take care of the family business onwards. Although he was working days and nights but during the last weeks/days of his life, he was working till late nights, even not sleeping the whole night. He was so in love of his job. Maybe he was aware of what was coming (supernatural assumption). We took photos with family members one night before the incident and he was smiling in every photo. He asked my mother to serve the dinner in our guest house which was not usual in our home in the past. So, everything was just going in the perfect way and we all were so happy and thankful to God for everything but never knew that such a tragic incident would happen to us.

 

 

I thought that as the only responsible man of the family I had to be brave now and had to go to home and be with the family. Then I came with some friends and relatives to home from the hospital at around 9:30pm. The neighbors gathered in our house and everyone was crying but waiting to hear good news from us. When I came to our house my mother and sisters ran to me and asked about the situation. I had to lie them, I told my mother, the family members and neighbors that my father is alive and in better condition now therefore I came to home and hopefully we would bring him to home by the next morning. I was afraid that if I told the truth, things would be so bad to my mother and sisters. I told this to my mother with a smile so that she believed me and she really believed and everyone was happy and thankful to God that their beloved Rahmanqul was alive. I had to keep this secrete till morning and it was very difficult for me.

 

I and some friends/relatives were in the guestroom and they were talking about the burial ceremony and I was thinking and thinking and don’t know how I passed that night. That night, I noticed that one minute was longer than hours and hours. At the same time, officials from the security and police departments were also coming to our house and there were armed policemen surroundering our house for security reasons. And, I will briefly explain later on what the local government and police department of Andkhoi did to arrest the murderer and those who were behind this assassination.

 

In the early morning, I couldn’t keep silence anymore, I was mourning loud and that was the time when my family members knew about the father’s death. Everyone started crying and crying and the neighbors started gathering in our house. After some hours, I heard that an ambulance was approaching and it stopped next to our door. It was bringing my father. He came to his house for the last time to say goodbye to his beloved wife and children, relatives and friends and to his house which he had built after so many years of hard working and he was so happy to have his own house, now it was the time to say goodbye for everyone and everything. And we, the family members and friends had to accept this injustice of the time. 

 

It was about 1:30pm and a rainy day when the burial ceremony started. Hundreds of people of the city and from other places had gathered in our house. First my father was carried to the public mosque and after performing prayers at the graveside laid to rest in peace. In the mosque before performing the prayer and burial ceremony, some people talked about Rahmanqul’s personality and the great work he had done for his people/country. And the relatives and friends asked the government to prosecute the murderer of Rahmanqul and those who were behind this tragic incident. The police chief promised the citizens to capture the murderer and prosecute him. At that time I believed that the government will capture and execute him/them and it was also the request of the people of the area but the situation was opposite of what I was expecting.

 

Here, I want to shed light on the prosecution process of my father’s murderers:

 

Arresting suspects was started by the police department shortly after the incident. Some people were arrested and police took my sister to the police department who was with my father at the time of the incident to help them in recognizing the murder. She says that one of the captured was alike to the man who had come in front of our house and martyred my father. It was not possible to recognize the murderer hundred percent because he had masked his face while committing the crime. But, that guy has been released from the detention center before morning but some others were arrested instead. We insisted the local government to prosecute and capture the murderers of martyred Rahmanqul. This caused the capture of my father’s friends and it made the case/situation so complicated for us. We could not do anything but leave the murderer to be punished by God. We had to find another way to save the lives of the rest of the family.

 

 

 

 

 

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