Leo Heyelmann und Marga Flader

berichten von ihrer Reise

im April / Mai 2017

 

 

Wie bei jeder Reise waren wir gespannt auf den Stand unserer vielfältigen Projekte. Würden die positiven Veränderungen überwiegen?

 

 

Den ersten Teil der Reise verbrachten wir in Andkhoi. Besonders neugierig waren wir dort auf die weitere Entwicklung unserer Frauenzentren, und wir wurden nicht enttäuscht.

 

Im Frauenzentrum Andkhoi ist das zweite Stockwerk fertiggestellt, so dass es jetzt einen großen Raum für Versammlungen und Möglichkeiten für sportliche Betätigungen gibt. Zu unserer Überraschung standen schon einige gebraucht erstandene Fitnessgeräte im Raum. Wir hatten Therabänder, Weichbälle und Hula-Reifen für gymnastische Übungen mitgebracht. Die Freude der Frauen beim Umgang mit den für sie völlig neuen kleinen und großen Geräten war umwerfend, zeitweise war sogar Musik dabei. Schon morgens vor dem Unterricht kamen einige zum Training. Damit das Zentrum nun auch für Frauen außerhalb unserer Kurse geöffnet werden kann, wird nun noch eine Aufsicht zur Einführung und Hilfe gesucht. 

 

Auch im Frauenzentrum Baghebustan gab es erfreuliche Neuigkeiten. Die große Küche ist fertig eingerichtet und wird schon eifrig für Kochkurse genutzt. Hier werden unter Anleitung gemeinsam Mahlzeiten zubereitet, die nicht nur lecker, sondern auch preiswert und gesund sein sollen. Auch an einem Kochbuch wird gearbeitet, um die frisch erworbenen Kenntnisse im Lesen und Schreiben zu vertiefen.

Kostproben von den Kochkünsten bekamen wir schon beim Mittagessen im Rahmen des Einweihungsfestes für dieses Frauenzentrum serviert. Wir feierten mit allen Frauen fröhlich mit Musik, Tanz, Spielen und Volleyball. 

 

In beiden Zentren wurde wieder deutlich, wie die Nähkurse und andere gemeinsame Aktivitäten die Frauen zusammenbringen und stärken. Und wie tüchtig sie sein können, wenn es darauf ankommt. So haben sie es gemeinsam geschafft, innerhalb von 48 Stunden traditionelle turkmenische Kleidung für 80 Schülerinnen fertigzustellen, die der uns wohlgesonnene Bezirksgouverneur von Andkhoi für die Einweihungsfeier der Lapis-Lazuli-Bahnverbindung bestellt hatte. Zu diesem besonderen Anlass waren sogar die Präsidenten von Afghanistan und Turkmenistan gekommen.

 

Die Arbeit in den Kursen in unserem Ausbildungszentrum läuft weiterhin erfolgreich. Bei Problemen wird im Team der Mitarbeiter nach Lösungen gesucht. Die Schülerinnen und Schüler wissen die gute Qualität des Unterrichts in den Kursen zu schätzen, die den in den staatlichen Schulen ergänzen. Dort gibt es weiterhin große Probleme mit fehlenden Schulbüchern und nicht ausreichend qualifizierten Lehrkräften. Die Schulleitungen müssen die Lehrkräfte nehmen, die das Erziehungsministerium ihnen zuweist, und das geht eben oft am Bedarf der Fächer und Qualifikationen vorbei. Deshalb bilden wir im Ausbildungszentrum Lehrkräfte fort. Das geschieht in unseren Kursen, in denen wir Lehrkräfte für ein Jahr oder länger als Assistenten bei erfahrenen Kollegen fortbilden und durch Seminare in den Ferien. Unsere Kollegen sind zu Recht stolz darauf, dass sie nach den Seminaren dieses Sommers ihr Ziel erreicht haben werden: Fortbildungen für Lehrkräfte der Klassenstufen 1 bis 12. Diese werden nun hoffentlich als Multiplikatoren arbeiten.

 

Zusätzlich zu unseren Unterrichtsbesuchen hatten wir dieses Mal zwei besonders interessante Gespräche. In je einer Gruppe der älteren Mädchen und Jungen mit guten Englischkenntnissen sollten diese Gedanken und Wünsche für ihre Zukunft äußern. Alle wollten zunächst die Aufnahmeprüfung für die Universität bestehen, die meisten dann studieren mit Ziel der renommierten Berufe Arzt, Anwalt, Lehrer „und ihrem Land dienen“. Das Gespräch entwickelte sich dann weiter zu Themen wie z.B. zur Einstellung der Eltern zu den Berufswünschen und späterer Berufstätigkeit besonders der Mädchen und zur Liebesheirat oder arrangierter Ehe. Es wurde deutlich, dass Traditionen besonders in den ländlichen Gebieten noch eine sehr große Rolle spielen. Am deutlichsten wurde dies bei der Frage, ob eine Frau ihrem Ehemann gehorchen müsse. Daraus entwickelte sich eine rege Diskussion mit Meinungen von „das müssen sie, weil wir nach den Regeln des Islam leben“ bis zu „Probleme sollten besprochen und gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden“. Besonders bei den Jungen konnten wir erstaunlich offen über die Rolle von Traditionen sprechen – und dass diese sich immer wieder verändern, nicht nur in Afghanistan, sondern auch bei uns. 

 

 

Während unserer Fahrten in die Dörfer wurde deutlich, dass der Wunsch nach einer neuen Schule oder Erweiterung und Verbesserung der bestehenden Gebäude ungebrochen ist. Auch in den abgelegensten Dörfern werden Schulen gewünscht. So konnten wir z.B. in Kohna Qala die Nayestan Schule besuchen, die wir im Oktober 2016 eingeweiht hatten. Der Schulleiter ist so glücklich und möchte demnächst auch nachmittags Unterricht anbieten, damit mehr Kinder aus der Umgebung lernen können. Auch weitere Bitten haben wir erhalten, z.B. besuchten uns die Dorfältesten aus Urgunchikhana (Bezirk Qaramqul), die sich ein Schulgebäude für ihr Dorf wünschen. Zurzeit werden die Kinder in zwei gemieteten Räumen von der Größe 2 x 3 m unterrichtet. Gern würden wir hier helfen. Auch in bestehenden Schulen kann es positive Veränderungen geben, wenn die Schulleitung engagiert und initiativ arbeitet und eine gute Zusammenarbeit mit Kollegen und Eltern aufbauen kann. Das haben wir beim Besuch in Abu Muslim, der ältesten säkularen Schule in Andkhoi, wieder erfahren, in der z.B. besonders leistungsschwache Schüler zusätzliche Hilfe bekommen und es viele Sportaktivitäten gibt. Auch wird ein Schulgarten geplant.

 

 

Der zweite Teil unserer Projektreise fand in Mazar-e-Sharif statt. Dort lernten wir im neuen Büro auch den neuen Mitarbeiter kennen, der als Bauingenieur für unsere Projekte zuständig ist. Im Büro fand das Arbeitstreffen statt, zu dem dieses Mal wieder Vertreter*innen aus Kabul, Mazar-e-Sharif, Andkhoi und Hamburg zusammengekommen waren. Gemeinsam wurde über die Arbeit des letzten Halbjahres und die Planung für die nächste Zeit gesprochen. 

 

 

Beim Besuch der im Oktober 2016 eingeweihten Schule Maula Ali sprang die Freude der Jungen und vielen kleinen Mädchen regelrecht auf uns über. Dort kann jetzt besserer Unterricht stattfinden. Schon die Fachräume, die schönen neuen Schulmöbel und die neu entwickelten glatten Fußböden haben das Schulklima verbessert. Bau und Fertigstellung des großen Schulprojekts Sedique Shaheed werden sich noch weiter hinziehen, weil dort zunächst der weiche Untergrund bis zu 2,20 m Tiefe ausgetauscht werden musste. Nicht nur die Kinder begleiteten diese Arbeiten mit nachdenklichen Blicken, sondern auch wir, denn es sind nicht einkalkulierte Mehrkosten von EUR 20.000 aufzubringen. Der Besuch bei dem neuen Erziehungsminister der Provinz Balkh verlief positiv. Er machte einen interessierten und aktiven Eindruck. Da infolge der Korruptionsbekämpfungsmaßnahmen auch die Vorgaben für Nichtregierungsorganisationen verschärft wurden, müssen wir noch mehr Regularien beachten.

 

Gemeinsam arbeiten und gemeinsam etwas Schönes unternehmen:

Unser „Betriebsausflug“ in den schönen Garten mit dem ehemaligen Königspalast von Tashqurghan (Khulm) stärkte den Zusammenhalt und gibt Kraft für die zukünftige Arbeit. 

 

 

Auf dieser Reise machten wir immer wieder Beobachtungen im Spannungsfeld zwischen Traditionen und den Veränderungen der letzten Jahre. Die positiven Veränderungen überwogen. Sie entwickeln sich langsamer als wir es gerne hätten – aber sie entwickeln sich! Wir brauchen Geduld und auch weiterhin Geld für unsere Projekte zum Wohl der Jugend in Afghanistan. Bitte helfen Sie uns dabei auch in Zukunft durch Ihre privaten Spenden. Vielen Dank!

 

Beste Grüße

Marga Flader und Leo Heyelmann

 

Spendenkonten: Afghanistan-Schulen e.V. 

Ethikbank IBAN DE71 8309 4495 0103 0410 50 (GENODEF1ETK) 

HASPA IBAN DE37 2005 0550 1008 2258 05 (HASPDEHHXXX) 

 

 

Afghanistan-Schulen - Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan e.V. | Info@Afghanistan-Schulen.de