Marga Flader und Tanja Khorrami

berichten von ihrer Reise

im Herbst 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

Afghanistan? Da kann man nicht hinfahren, da ist doch Krieg! Wie oft hören wir das vor unseren Projektreisen. Und doch, auch diese Reise hat es wieder bestätigt: Ja, es gibt immer wieder Anschläge, es gibt auch immer wieder Versuche, wie z.B. in Kunduz, die Zeit zurückzudrehen, es gibt Korruption und die Drogenwirtschaft blüht wieder, die Regierung ist zerstritten und schwach – aber:

 

Millionen von Menschen sind dabei, sich und ihren Kindern eine bessere Zukunft aufzubauen. Schade, dass in unseren Medien so wenig über die Fortschritte berichtet wird. Überall wird gebaut, Straßen, Staudämme und große Wohnblocks, Schulen und Universitäten sind voller lernbegieriger junger Menschen. Breite Straßen in den Städten sind von Bäumen und Blumen gesäumt, historische Stätten wurden restauriert. Letzteres konnten wir z.B. in Herat bewundern: Die alte Zitadelle liegt im beinah alten Glanz über der Stadt, die große Moschee ist wunderschön anzusehen, nur die fünf Minarette einer mittelalterlichen Universität warten noch auf Hilfe. 

 

Aber nun zu unseren eigentlichen Reisezielen: Andkhoi und Umgebung und Mazar-e-Sharif.

 

In den vier Distrikten um Andkhoi gibt es zwar immer noch Bedarf an weiteren Klassenräumen, aber unsere Arbeit in den letzten 14 Jahren hat doch deutlich Früchte getragen. 41 Schulen wurden dort von uns gebaut.

 

Jetzt werden über unseren Klein-projektefonds häufig Zuschüsse für die Instandhaltung der Gebäude beantragt. 

 

 

Ein kleines neues Schulgebäude konnten wir im Dorf Nayestan einweihen, und zwei weitere Dörfer wünschen sich Schulgebäude. Schwerpunkt für unsere Arbeit ist es aber, den SchülerInnen dabei zu helfen, ihr Wissen zu erweitern. Dafür hatten wir vor 10 Jahren in Andkhoi ein Ausbildungszentrum errichtet, und es hat sich großartig entwickelt! Auf dieser Reise konnten wir in den meisten Kursen einen Assistenz-lehrer, Frau oder Mann, beobachten, der von der Erfahrung unserer sehr guten und aktiven Lehrer profitiert und das dann an der eigenen Schule weitergeben kann. Auch in unseren Zusatzkursen an verschiedenen Schulen, meist in naturwissen-schaftlichen Fächern, funktioniert dieses neue Prinzip sehr gut. Die Lehrkräfte unseres Ausbildungszentrums organisieren in den Schulferien Fortbildungsseminare, die inzwischen von jeweils rund hundert Lehrer-Innen in verschiedenen Fächern gern angenommen werden. Die Schulbehörden unterstützen diese Aktivitäten, denn sie wissen auch, dass es noch einen großen Mangel an gut ausgebildeten Lehrkräften gibt. 

 

Wie bei jeder Reise konnten wir auch diesmal feststellen, dass die Jungen und Mädchen im Ausbildungszentrum unglaublich viel an Selbstbewusstsein ge-winnen. Sie lernen, über soziale Missstände im Land zu reflektieren, sich mit problematischen Traditionen auseinanderzusetzen und über Lösungen nachzudenken. Ein neu eingestellter Lehrer für Ökologie und Landwirtschaft versteht es, ihr Interesse für Umweltprobleme, Klimawandel etc. zu wecken. Ganz in diesem Sinne nähten die jungen Mädchen im Frauenzentrum aus den Stoffen ihrer ersten Nähproben wiederbenutzbare Einkaufsbeutel und verkauften sie an die Lehrer des Ausbildungszentrums – mit großem Erfolg!

 

Das Frauenzentrum in Andkhoi ist überhaupt ein ganz wunderbarer Ort geworden! In zwei anderthalbjährigen Kursen lernen jeweils 12 junge Frauen Nähen, Lesen, Schreiben und Rechnen. Vier Tage in Nähstuben in ihren Dörfern und an zwei Tagen im Frauenzentrum, wo sie ihr Wissen bei der dortigen Schneiderin an elektrischen Näh- und Stickmaschinen ergänzen. Sie lieben es, auf diese Weise immer

wieder aus dem Dorf herauszukommen und blühen in dieser sowohl professionellen als auch persönlich liebevollen Atmosphäre richtig auf. Für viele ist das Zentrum ein zweites schönes Zuhause geworden. Auch viele Kundinnen kommen, um Kleidung zu bestellen, einzukaufen oder bei den regelmäßig selbst-organisierten Vorträgen zu Themen um Gesundheit, Erziehung und vieles mehr Neues zu erfahren.  

 

Um auch den Frauen in dem dörflichen Nachbardistrikt Qurghan solch eine Gelegenheit zu geben, haben wir in diesem Sommer dort ein zweites Frauenzentrum eingerichtet. Bei unserem Besuch begrüßten uns 24 junge Frauen, teils noch etwas schüchtern, aber nach nur vier Wochen Unterricht schon sehr begeistert. In zwei Gruppen lernen sie hier abwechselnd Lesen, Schreiben, Rechnen und Dari (zu Hause sprechen sie Usbekisch oder Turkmenisch), und das Zuschneiden, Nähen und Sticken. Da viele bis dahin kaum aus dem Haus gekommen waren, lernen sie sich erst hier kennen und schätzen. Freundschaften zwischen Turkmeninnen und Usbekinnen entwickeln sich. Für Schülerinnen gibt es im Zentrum einen Englisch- und einen Computerkurs. Wenn erst der Raum für Versammlungen und eine Küche fertig ist, werden dort auch Vorträge gehalten und Kochkurse stattfinden. Wir waren restlos begeistert von all diesen Aktivitäten! 

 

 

Unser weiterer Schwerpunkt – der Schulbau in der Großstadt Mazar-e-Sharif - wird uns wohl noch länger stark beschäftigen. Zwar konnten wir hier wieder eine große Schule für 2000 Kinder einweihen, aber jeder Besuch in einer anderen Schule zeigte uns: Es gibt noch ungeheuer viel Bedarf an Schulgebäuden. An vier Schulen wurden wir Zeugen, dass die Kinder entweder noch in zerrissenen Zelten saßen oder in einsturzgefährdeten Gebäudn, in gefängnisartig vergitterten Kammern oder eben einfach unter freiem Himmel unterrichtet wurden – unhaltbar! Da atmeten wir schon erleichtert auf, als wir die demnächst fertiggestellte Schule Khaliqdad besuchten. In drei Schichten wurden hier zwar noch 4.300 Mädchen und Jungen in Zelten unterrichtet, aber das mit Geldern des Auswärtigen Amtes gebaute Schulhaus sieht schon beeindruckend gut aus und wird zum Schulbeginn im März bezogen werden können. Zum Glück hat das Gymnasium Neubiberg mit einem Spendenlauf so viel Geld „erlaufen“, so dass nun auch die Schulmöbel, die Labor- und Büchereiausstattung bestellt werden können. Unser Plan sieht eine weitere Schule vor, die hoffentlich ebenfalls vom AA unterstützt werden wird – aber auch hier soll es wieder kein Geld für eine Ausstattung geben. Eine Schule ohne Möbel? Wir zählen ganz auf unsere treuen Spender, die uns bestimmt auch in diesem Fall helfen werden!

 

Mit dem BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hoffen wir in den nächsten Jahren vier weitere Schulen bauen zu können. Für jedes Bauprojekt liegt unsere Eigenbeteiligung bei 10 % - eine große Summe, wenn man vernünftige Gebäude bauen will, die wir durch Spenden aufbringen müssen.  

 

Die dortigen Gemeinden leisten selbst auch nach Kräften ihren Beitrag. Sie stellen z.B. das Grundstück, bauen die Hofmauer oder lassen einen Brunnen bauen, damit genügend Wasser für den Bau und später als Trinkwasser zur Verfügung steht. Da diese Brunnen oft sehr tief sein müssen, haben wir an einer der Schulen einen Versuch mit einer solarbetriebenen Pumpe gestartet. Zehn große Solarpaneele sorgen für genügend Strom, um das Wasser aus einer Tiefe von 120 m heraufzupumpen. Wir warteten ungeduldig, bis nach einigen Minuten das Wasser aus dem Schlauch sprudelte und die vielen kleinen Bäumchen bewässert werden konnten. Gelungen!

 

Auf dieser Reise ist wieder klar geworden, dass Afghanistan noch Jahre Unterstützung von außen benötigen wird. Es gibt noch sehr viel zu tun in den kommenden Jahren: Rund 1,5 Mio. Menschen leben als Flüchtlinge oder Rückkehrer in ihnen fremden Landesteilen: Sie benötigen Schulen und Arbeitsmöglichkeiten. Wir vertrauen auf die junge Generation, die in den kommenden Jahren Verantwortung übernehmen wird. Mit unserem jungen Team in Afghanistan erleben wir schon heute, wie es nicht nur bei VUSAF, sondern hoffentlich auch im ganzen Land funktionieren kann. 

 

 

Wir bitten Sie deshalb herzlich, unsere immer noch notwendige Arbeit weiter zu unterstützen.  

 

Herzliche Grüße

 

Marga Flader und Tanja Khorrami

 

Spendenkonten: Afghanistan-Schulen e.V. 

Ethikbank IBAN DE71 8309 4495 0103 0410 50 (GENODEF1ETK) 

HASPA IBAN DE37 2005 0550 1008 2258 05 (HASPDEHHXXX) 

 

Afghanistan-Schulen - Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan e.V. | Info@Afghanistan-Schulen.de