Ursula Nölle 1924 - 2019

 

Ulla Nölle, wie sie von den meisten genannt wurde, wuchs in Kirchsteinbek bei Hamburg auf. Nach dem Krieg holte sie das Abitur nach und studierte Biologie. Auf der Schulbank lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Mit zwei kleinen Kindern gingen sie in den 1950er Jahren in die USA. Sie lebten gern dort, kehrten aber dennoch nach 8 Jahren in die Heimat zurück: Die vier plus die in den USA geborenen Zwillinge. In Deutschland wurde das 5. Kind geboren. Die Familie lebte ab den späten 1960er Jahren in Oststeinbek bei Hamburg.

 

Ulla Nölle engagierte sich im TuS Gut Heil und unterrichtete viele Mutter & Kind-Gruppe, wofür der Hamburger Senat sie auszeichnete.

 

 

1983 erhielt ihre Tochter ein Stipendium für die Universität Lahore in Pakistan. Sie wünschte sich Besuch von ihrer Schwester und ihrer Mutter, um ihnen das Land zu zeigen. Die insbesondere von Afghanistan faszinierte Christine Nölle führte Mutter und Schwester bis an die Grenze zu Afghanistan, nach Peshawar, wo 1983 viele Menschen, die aus Afghanistan nach dem Einmarsch der Sowjettruppen 1979 geflohen waren, in erbärmlichen Flüchtlingslagern lebten (s. auch Vereinsgeschichte).

 

Eines Tages lernten die drei Nazanin kennen, eine junge afghanische Lehrerin, die ihnen bedrückt erschien. Sie fragten nach dem Grund und hörten, dass diese in ihrem Haus eine kleine Schule aufgebaut hatte. Sie holte Mädchen aus einem Flüchtlingslager und unterrichtete sie gemeinsam mit ihrer Schwester im Haus und im Hof. Nun hatte sie kein Geld mehr, um den Transport zu finanzieren.

Ulla Nölle flog zurück nach Deutschland, vergessen konnte sie Nazanin aber nicht. Schon am Münchner Flughafen berichtete sie einer fremden Frau davon und erhielt ihre erste Spende. In ihrer Heimat berichtete sie nach ihrer Rückkehr ihrem Arzt und erhielt die nächste Spende. Dann die nächsten von den Müttern der Mutter & Kind-Gruppen. In den folgenden Monaten bat sie ihren Mann darum, ihr keine Geburtstags- oder Weihnachts-geschenke zu machen, sondern er sollte ihr einen Flug nach Pakistan schenken, damit sie die Spenden dort übergeben konnte.

 

Bald wurden ihr, ihren Verwandten und Freunden bewusst, dass die Spender/innen sicherlich eine Bescheinigung haben wollten. Spendenbescheinigungen konnte aber nur ein Verein ausstellen. Und so wurde 1984 der Verein zur Unterstützung von Schulen für afghanische Flüchtlingskinder e.V. gegründet.

 

Immer wieder flog Ulla Nölle nach Pakistan. 1986 entstand die erste Schule des Vereins. 2000 DM sollte ein Raum kosten. Im folgenden Jahr wurde ein weiterer Raum benötigt, neue Kinder kamen hinzu. 

 

Bis 2002 hatte der Verein 7 Schulen für 3500 Kinder in den Flüchtlingslagern Pakistans aufgebaut. Die meisten der Menschen gingen inzwischen zurück nach Afghanistan. Einige Lehrer/innen und SchülerInnen von drei Schulen begleiteten wir bis nach Mazar-e-Sharif, wo wir ihnen bei dem Neuanfang halfen und eine Schule aufbauten. Eine weitere Schule fand neue Unterstützer. Die anderen wurden aufgelöst.

 

Nach Abzug der Sowjettruppen 1988 unterstützte der Verein eine Schule im Norden Afghanistans. Weitere kamen hinzu. Anfang der 1990iger Jahr fuhr Ulla Nölle mit ihrer Tochter in den Norden. Anfangs herrschte hier noch Aufbruchstimmung. Schulen entstanden, aber der Bürgerkrieg nahm seinen Lauf. Ende 1998 übernahmen auch hier die Taliban die Macht und die einzige Mädchenschule musste schließen. Gemeinsam mit diesen Lehrerinnen (unten) bauten wir sog. Home Schools auf. In den Privathäusern dieser Lehrerinnen wurden während bis Ende 2001 800 bis 900 Mädchen unterrichtet.

 

 

Andkhoi und die umliegenden Dörfer wurden Ulla Nölles zweite Heimat. Die Menschen hier nannten sie Mama oder Grandmother. Sie war der "Retter in der größten Not", nachdem die Menschen nicht einmal mehr das Nötigste zum Leben hatten. Ulla Nölle und ihre Mitstreiterinnen hatten, bevor sie nach Afghanistan weiterreisten, in Pakistan Deutsche Mark in kleine USD-Scheine gewechselt und sich diese um den Bauch gebunden. In Andkhoi erhielten die Lehrer und Lehrerinnen dann jeweils 100 USD. Das war ihre Rettung. 

 

Viele, viele Male ist Ulla Nölle nach Andkhoi gereist. Manchmal einmal, manchmal zweimal im Jahr, begleitet von verschiedenen Vereinsmitgliedern, die selbst auch alle aktiv im Verein mitgearbeitet haben.

 

2003 wurde Ulla Nölle Ehrenvorsitzende des Vereins. Weiterhin arbeitete sie aktiv im Vorstand mit und repräsentierte den Verein im Radio und im Fernsehen. Sie gab Interviews für Zeitungen und Zeitschriften.

Sie hielt Vorträge, um Spenden einzuwerben. Besonders engagiert hat sie sich an dem Gymnasium in Neubiberg. Diese Schule hat sich unglaublich großartig für den Verein engagiert und war besonders erfolgreich. Ulla Nölle konnte die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrenden und Schulleitung für Afghanistan begeistern.

 

Ihre letzte Reise nach Mazar-e-Sharif und Andkhoi war 2015. Bei einer Herzklappenoperation im Jahr darauf erlitt Ulla Nölle einen Schlag-anfall. Mit eisernem Willen arbeitete sie daran, wieder fit zu werden. Ein Rückschlag kam mit einem Beinbruch. Wieder versuchte sie, gesund zu werden, denn sie wollte unbedingt noch einmal nach Andkhoi reisen. Am 5.9.2019 wurde ihr Herz schwach. Am 7.9.2019 konnte sie sich noch von einigen der vielen Kinder/Enkelkinder verabschieden. Am 8.9.2019 wachte sie nicht wieder auf. Wir werden sie nicht vergessen.

 

Auszeichnungen für Ulla Nölle

 

1992

  Olof-Palme-Preis

1999

  Bundesverdienstkreuz am Bande

2002

  Olof-Palme-Preis

2006

  Bundesverdienstkreuz Erster Klasse

2007

  Frau des Jahres – verliehen vom ZDF/Mona Lisa und CLARINS

 

 

Afghanistan-Schulen - Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan e.V. | Info@Afghanistan-Schulen.de